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Märkische Allgemeine

Rebellen mit Grund
Das New Yorker Museum of Modern Art zeigt eine Retrospektive mit 21 DEFA-Filmen

Für Hiltrud Schulz ging ein Traum in Erfüllung: 1998 war sie aus Berlin in die USA gegangen, um dort DEFA-Filme unter die Leute zu bringen. Gemeinsam mit der Videofirma Icestorm und der DEFA-Film-Library an der Universität Massuchsetts in Amherst, dem wissenschaftlichen Forschungszentrum für DDR-Kino in den USA, brachte sie inzwischen mehr als sechzig Titel auf den Markt. Als höchstes Ziel aber hatte sich Hiltrud Schulz gesetzt, eine Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art, dem Olymp für moderne Kunst zu initiieren. Vor knapp fünf Jahren wurden dafür erste Ideenskizzen entworfen, Sponsoren gesucht und kompetente Verbündete wie die DEFA-Stiftung gewonnen. Pünktlich am 7. Oktober 2005 fand nun die erste Veranstaltung statt: Jutta Hoffmann präsentierte den Egon-Günther-Film „Der Dritte“ (1971). Noch bis kommenden Sonntag sind die New Yorker zum Überblick über ausgewählte DEFA-Arbeiten eingeladen.

Insgesamt einundzwanzig Produktionen stehen auf dem Programm, darunter vier Dokumentar- und drei Trickfilme sowie zwei Beiträge der satirischen Kurzfilmreihe „Das Stacheltier“. Es sind nicht die gängigen Titel, die schon zu DDR-Zeiten gern ins Ausland geschickt wurden. Vielmehr bemühten sich die Kuratorinnen Jytte Jensen vom Museum of Modern Art und Juliane Wanckel vom New Yorker Goethe-Institut gemeinsam mit Hiltrud Schulz, auch solchen Werken Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die damals entweder verboten oder mit Exportsperre belegt oder einfach nur unter den Tisch gefallen waren, weil man ihren Wert nicht erkannte. Filme, die bereits in diversen Paketen des Goethe-Instituts durch die USA getourt sind, sollten möglichst ausgespart bleiben: Nur so ist es zu erklären, dass beispielsweise keine Arbeit von Konrad Wolf, der heute achtzig Jahre alt geworden wäre, in die Retrospektive aufgenommen wurde.

Für ihre Auswahl sichteten Jytte Jensen und Juliane Wanckel rund dreihundert Filme. Das Endergebnis, so betonten die beiden Kuratorinnen, spiegele die Tatsache, dass die DEFA mit ihren besten Werken thematisch und stilistisch auf der Höhe ihrer Zeit gewesen sei. Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“ (1973) korrespondiere mit den Aufbrüchen in Hollywood und Paris, Joachim Kunerts „Das zweite Gleis“ (1962) sei ein herausragender Film des politischen Tauwetters in der Chrustschow-Ära. „Was wir in New York zeigen, gehört zum Kanon der Weltfilmkunst. Selbst wenn das bisher von manchen Filmhistorikern nicht erkannt oder sogar bestritten wird: Die stärksten DEFA-Filme waren immer mehr als nur ein Reflex auf die DDR-Politik, mehr als nur Provinzkino. Sie waren ein Teil der internationalen Kunst.“

Trotz solcher positiver Einschätzungen waren die Organisatoren jeden Abend neu erstaunt, wie groß das Publikumsinteresse für eine in New York nahezu unbekannte Kinematographie ist. Arbeiten wie Peter Kahanes „Die Architekten“ (1990) oder Frank Beyers „Spur der Steine“ (1966) liefen vor ausverkauftem Haus; im Anschluss an die jeweiligen Vorstellungen nutzten Besucher auch die Gelegenheit, mit den Regisseuren ins Gespräch zu kommen. Evelyn Schmidt, deren „Fahrrad“ (1981) von DDR-Kulturpolitkern als zu düster und pessimistisch abqualifiziert wurde und schnell aus den Kinos verschwand, erlebte im MoMA gleichsam eine späte Rehabilitierung. Auch Ulrich Weiß‘ Parabel „Dein unbekannter Bruder“ (1981) über Angst und Verrat im antifaschistischen Widerstandskampf, dem ein SED-Politbüromitglied seinerzeit bescheinigt hatte: „So waren wir nicht“, wurde in New York mit Interesse aufgenommen. Von Zuschauern umlagert war nicht zuletzt Wolfgang Kohlhaase, dessen Klassiker „Berlin – Ecke Schönhauser“ (1957) und „Der Fall Gleiwitz“ (1961) vorgestellt wurden. Und auch Jürgen Böttcher mag mit Stolz und Wohlgefallen die Äußerung eines Besuchers vernommen haben, der ihn und seinen 1966 verbotenen Film „Jahrgang 45“ mit den Entfremdungsdramen von Michelangelo Antonioni verglich.

In einer Podiumsdiskussion brachte die Dokumentaristin Helke Misselwitz die Qualität der ausgewählten Arbeiten auf den Punkt: „Schönheit kommt aus Wahrheit. Deshalb altern diese Filme nicht.“ Wolfgang Kohlhaase wies darauf hin, dass ihn manche Wiederbegegnung, so mit Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“ (1965/90), auch mit Trauer erfülle: „Wenn Filme im Tresor verschwanden, bedeutete das ja nicht nur das Verbot dieses Werkes, sondern auch eine Verletzung und Zerstörung von Menschen, ein Verlust von politischen Chancen und ästhetischen Möglichkeiten.“ Günter Jordans kurzer Dokumentarfilm „Einmal in der Woche schrein“ (1981) belegte beispielsweise die krude Denkart mancher Zensoren: Weil die Schlusseinstellung zeigt, wie junge Leute nachts eine Disco verlassen, mutmaßte die Obrigkeit, der Regisseur habe vorführen wollen, dass Jugendliche aus der anheimelnden Wärme ihrer eigenen Kultur in den Eiswind des sozialistischen Alltags zurückgestoßen würden. Der Film wurde verboten, das Negativ vernichtet.

Für die MoMA-Retrospektive, die mit neuen 35-mm-Kopien und englischen Untertiteln bestmöglich ausgestattet war, fanden die Organisatoren übrigens einen werbewirksamen Titel: „Rebels with a Cause“, Rebellen mit Grund. Unter dieser Schlagzeile wird die Retrospektive in den kommenden Monaten in weiteren US-amerikanischen Städten zu sehen sein, darunter in Chicago, Washington, Atlanta, Ohio und im George-Eastman-Haus in Rochester. Der Progress Film-Verleih, der die Auswertungsrechte an allen DEFA-Filmen besitzt, stellt das Programm in Deutschland vor: Kinos in Berlin, Dresden, Frankfurt am Main, Hamburg oder München haben bereits feste Zusagen gegeben. Und im Museum of Modern Art denkt man inzwischen schon an eine Fortsetzung: vielleicht mit Genrefilmen wie Western und Musicals, vielleicht mit Propagandafilmen. Auch daran dürfte das Interesse groß sein.

Ralf Schenk

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