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Berliner Zeitung
„Wir waren nicht so schlecht...“
Das Museum of Modern Art in New York zeigt eine Defa-Retrospektive
VON RALF SCHENK
Mitten in der Vorstellung hielt es die Regisseurin Evelyn Schmidt nicht mehr auf
ihrem Platz. Sie musste ins Freie, um durchzuatmen und dann eine Zigarette zu
rauchen. Ihr Defa-Film „Das Fahrrad“ (1981) hatte es ins New Yorker Museum of
Modern Art geschafft, in den Olymp zeitgenössischer Kunst. Und das, obwohl er
damals, nach seiner Premiere, von der Kulturpolitik der DDR aufs Abstellgleis
geschoben und nur mit wenigen Kopien unter die Leute gebracht worden war.
„Das Fahrrad“ zählt zu jenen 21 Defa-Produktionen, die derzeit im MoMA zu
besichtigen sind und danach im Paket auf Tour durch die Vereinigten Staaten und
die Bundesrepublik gehen. Ausgewählt wurden sie von den Kuratorinnen Jytte
Jensen vom Museum of Modern Art und Juliane Wanckel vom Goethe-Institut New
York, die sich vorher durch insgesamt rund dreihundert DDR-Filme durchgesehen
hatten. Ihr Interesse galt dabei weniger den in den USA bereits bekannten
Arbeiten, sondern Werken, die hier noch keinen Namen haben, aber dennoch so gut
sind, dass sie in den Kanon der Weltfilmgeschichte gehören. „Wir suchten nach
kraftvollen Stimmen und Stilen, nach kreativer Energie, künstlerischer
Innovation und antiautoritärem Geist“, sagt Jytte Jensen. Angeboten wird die
Reihe denn auch unter dem Titel „Rebels with a cause“, Rebellen mit Grund, oder:
Denn sie wissen, was sie tun.
Natürlich wollte das MoMA weder auf Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“
(1973) noch auf Egon Günthers „Der Dritte“ (1971) und Frank Beyers „Spur der
Steine“ (1966) verzichten. Andererseits wurden beispielsweise mit Ulrich Weiß’ „Dein
unbekannter Bruder“ (1981) und Joachim Kunerts „Das zweite Gleis“ (1962) zwei
Werke neu entdeckt, die selbst in Deutschland nur Insidern bekannt sind.
Immerhin beschäftigt sich „Das zweite Gleis“ (Buch: Günter Kunert) als einziger
Defa-Spielfilm damit, dass auch die Deutschen in der DDR von ihrer
Nazivergangenheit und Mittäterschaft eingeholt werden konnten, was offiziell
sonst gern ausgeblendet wurde. Und „Dein unbekannter Bruder“, eine Parabel über
Angst und Verrat, schlug den gedanklichen Bogen über Bilder vom Widerstand im
Dritten Reich hinaus bis in die Gegenwart. Zu den New Yorker Entdeckungen
gehörten auch Helke Misselwitz’ wunderbarer Dokumentarfilm „Wer hat Angst vorm
schwarzen Mann“ (1990) über Kohlenträger im Prenzlauer Berg, der in den
Wendemonaten kaum beachtet worden war, und Günter Jordans „Einmal in der Woche
schrein“ (1981), dessen Aufführung seinerzeit nicht nur wegen eines aufmüpfigen
Liedtextes der Gruppe „Pankow“ verboten wurde. Weil das Schlussbild zeigte, wie
junge Leute nachts eine Disko verlassen, mutmaßte der Zensor, der Regisseur habe
damit ausdrücken wollen, dass sie aus der anheimelnden Wärme ihrer eigenen
Kultur in den Eiswind des Sozialismus zurückkehren müssten.
Angesichts solcher Arbeiten mahnte Jytte Jensen mehr Selbstbewusstsein bei
ostdeutschen Filmemachern an. Und Barton Byg von der Defa Film Library an der
Universität of Massachusetts, gewissermaßen dem amerikanischen Zentrum für
Defa-Forschung, forderte in einem Rundtischgespräch, DDR-Filme nicht mehr nur in
ihrem Verhältnis zur damaligen Politik zu sehen, sondern endlich dazu
überzugehen, die besten davon auch als gültige Kunst ihrer Zeit anzuerkennen.
Das vor wenigen Jahren publizierte, vernichtende Resümee zweier prominenter
westdeutscher Filmhistoriker, im Defa-Schaffen sei zwischen 1946 und 1990
eigentlich nur die Farbe hinzugekommen, konterkarierte er mit dem Verweis auf
zahlreiche Parallelitäten zwischen Defa-Schaffen und internationalen
Kinotendenzen. In diesem Zusammenhang erinnerte Wolfgang Kohlhaase, dessen
Klassiker „Berlin – Ecke Schönhauser...“ (1957) und „Der Fall Gleiwitz“ (1961)
auch in New York für volle Säle sorgten, noch einmal an seine Affinität für den
italienischen Neorealismus: „Wir waren nicht so schlecht...“
Der Erfolg des New Yorker Programms basierte nicht zuletzt darauf, dass die Max-Kade-Stiftung
für deutsch-amerikanischen Kulturaustausch Geld für neue 35-mm-Kopien
einschließlich englischer Untertitel zur Verfügung stellte. Auch die Berliner
Defa-Stiftung trug einen erheblichen Teil zur Finanzierung und zum reibungslosen
organisatorischen Ablauf bei. Während die vom MoMA ausgewählten Arbeiten
demnächst auch in einer DVD-Edition erscheinen sollen, denkt Jytte Jensen schon
über eine Fortsetzung der Reihe nach: Sie könnte sich durchaus vorstellen, die
besten ostdeutschen Western, Musicals oder Kriminalfilme fürs New Yorker
Publikum auszusuchen.
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